Mundart-Gruppe "Mundart gehört zum guten Ton"  Sie bewahren Tradition, erweitern ihren sprachlichen Horizont und erfreuen viele Mitmenschen: Wenn die Mädchen und Jungen der Mundartgruppe der Regelschule in Floh "drufflosschwatze", ist das Publikum platt. Floh-Seligenthal - Eigentlich steht eine Englischstunde mit Lehrerin Uta Kieschnick im Vertretungsplan. Doch als der Besuch das Klassenzimmer betritt, wird wieder auf Deutsch umgeschaltet. Das erleichtert den Bezug zum Dialekt. Denn nicht jeder ist der lokalen Sprache mächtig, die von den meisten Mädchen und Jungen in diesem Klassenraum aber beherrscht wird: Seligenthäler und Strüther Platt - wie es die Einheimischen bezeichnen. Schließlich legen die Jugendlichen sprachlich den Hebel um und tragen aus dem Gedächtnis noch einmal einen Teil ihres Programmes vor, mit dem sie im Dezember ihrer Zuhörer verzückt haben. Geschichtchen aus dem Leben und Sketche auf Mundart: Bühnenreif - ganz großes Kino für all jene, die für einen Spaß zu haben sind und Dialekte faszinierend finden. Als der Autor dieser Zeilen den bereitgelegten Zettel nimmt und radebrechend durch den Text eiert, wird gelacht. Verstehendes Lesen, kein Vorlesen. Aber zumindest waren keine Untertitel nötig. In Familien präsent "War aber gar nicht so schlecht, zumindest verständlich", sagt Lehrerin Kieschnick. Alle zwei Wochen nimmt sie Schüler der achten und neunten Klassen der Regelschule zum Mundart-Kurs zusammen. Auf freiwilliger Basis, zum Unterrichtsprogramm gehört die Mundart nicht. "Aus der siebten Klas se gab es auch schon Nachfragen", verrät sie. "Darüber bin ich richtig glücklich. Wir wollen den Dialekt am Leben erhalten, er ist ja ein Stück Heimat." In vielen Familien werde noch Mundart gesprochen. Vor allem dort, wo noch mehrere Generationen unter einem Dach leben. Das bestätigen auch die Jugendlichen, von denen einige wunderschön und glockenklar Platt sprechen können, dass der Beobachter nur mit der Zunge schnalzen kann. Vor allem die älteren Einwohner der Großgemeinde Floh- Seligenthal sind bei den Auftritten laut Pädagogin Kieschnick begeistert. Für diese Mitbürger sei die Mundart die eigentliche Umgangssprache, Hochdeutsch die Fremdsprache. Sie fühlten sich beim Platt richtig wohl. Die meisten Menschen im mittleren oder fortgeschrittenen Erwachsenenalter bevorzugen Hochdeutsch, können aber problemlos Dialekt verstehen oder auch sprechen. Bei vielen jüngeren Menschen war das bislang anders. Tatsächlich könnte das Platt aber ein gewisses sprachliches Comeback erleben. "Platt ist hipp", bekräftigen mehrere Schüler. Susanne Wiegand kann sich über diese Entwicklung nur freuen. Die promovierte Jenaer Wissenschaftlerin erforscht Thüringer Dialekte, den fränkischen Sprachraum Südthüringens eingeschlossen. Hier ist die Hochschullehrerin sogar besonderes bewandert. Sie ist nämlich in einem Dorf mit Rhöner Dialekt und später in Bad Salzungen aufgewachsen und beherrscht die Sprache ihrer Kindheit noch bestens. "Ich kann da schon noch mitreden", sagt Wissenschaftlerin Wiegand, die derart angenehm und unaufgeregt erklären kann, dass aus dem geplanten kurzen Gespräch ein längeres Telefonat wird. Den einen Dialekt gebe es nicht - es werde überall ein Ortsdialekt gesprochen. Dass die Bevölkerung ihre Mundart als "Platt" bezeichne, sei nicht weiter tragisch. Platt werde in Norddeutschland gesprochen. "Das kommt vom platten Land", erklärt sie. Dass sich eine Lehrerin wie Uta Kieschnick um die Mundart kümmert, passt gut ins Bild. Es seien auch in der Vergangenheit gewöhnlich Menschen mit einer höheren Bildung gewesen, die sich der Traditionspflege verpflichtet fühlten. Pfarrer beispielsweise und eben Lehrer. Menschen also, die auch gut Hochdeutsch sprechen konnten. Die besten örtlichen Mundartsprecher seien gewöhnlich die betagten Einwohner. "Der älteste Bürger oder die älteste Bürgerin, die im Idealfall nie länger ihre Heimat verlassen haben", erklärt sie. Dennoch habe sich auch die Mundart über die Jahre entwickelt, es seien neue Wörter hinzugekommen. Auf gar keinen Fall sei Mundart schlechtes Deutsch. "Sie ist deutlich facettenreicher und gibt vieles detaillierter wieder", betont sie. Mundart solle dort gesprochen werden, wo sie hingehöre. Sie sei nicht überall passend. Dass Dialekte "hipp" sind, finden übrigens nicht nur die Floh-Seligenthaler Schüler. Hochschullehrerin Wiegand erlebt ständig, wie sich die Studenten mit zunehmender Studiendauer für Dialekte begeistern können. Einige angehende Akademiker, etwa aus Regionen, wo sehr reines Hochdeutsch gesprochen wird, belächelten zunächst die Mundart. "Und später haben die sich zu 180 Grad gedreht." Kein Dialekt-Duden Einen Dialekt-Duden gebe es nicht, auch keine bindenden Regeln. In manchen Orten hätten zwar Heimatfreunde Vorgaben gemacht und das sei auch gut so. "Aber das ist nicht verpflichtend." Sorgen, dass der Dialekt nach und nach verschwindet, hat die Forscherin derzeit nicht. "Die Mundart ist schon oft totgesagt worden. Aber leichter wird es auch nicht. Mittelfristig bin ich zuversichtlich. Floh-Seligenthal ist ein tolles Beispiel und nicht das einzige. Ich kann die jungen Leute nur ermuntern, den Dialekt zu pflegen." Uta Kieschnick will weiter ihr Bestes tun. Mundart wird wohl auch noch in vielen Jahrzehnten in den Dörfern der Gemeinde gesprochen werden: Die Mädchen und Jungen, die sie beherrschen, haben noch ihr Leben vor sich. Bild 1:  Die Mundartsprecher erfreuen bei der Weihnachtsfeier in Struth-Helmershof das Publikum. Zur Gruppe gehören Tobias Möller, Philipp Weisheit, Leoni Fräbel, Marie Longino, Fabian Ritzmann, Luis Völker, Jan-Luca Halacka, Helena Wohlann, Tobias Wirsching, Moritz Jäger, Hannes Weisheit, Simeon Fröhlich und Lukas Fräbel. Bild 2: Uta Kieschnick leitet die Mundartgruppe Text: Thomas Heigl  Fotos: fotoart-af.de Quelle: https://www.insuedthueringen.de/epaper/html5/epa96185,70444,0,12,Mundart%20geh%F6rt%20zum%20guten%2 0Ton vom 02.02.2019